Schon gleich nach der Landung der ersten hessischen Truppen im August 1776 bei New York versuchten die Amerikaner die vermeintlich verkauften Soldaten mit Versprechungen aller Art und durch die Diffamierung ihres ”seelenverkaufenden”, ”geldgierigen” Fürsten zur Desertion zu verleiten. Flugblattaktionen und die gezielte Beeinflussung von gefangenen hessischen Soldaten sollten auf diese Weise das für die Briten wichtige hessische Hilfskorps zur Auflösung bringen, was aber bekanntlich nicht gelang. Die Vermietung als Soldaten an fremde Mächte war für die Hessen nicht ungewöhnlich, neu war für sie jedoch die Verurteilung des Subsidiengeschäfts und die Brandmarkung als Menschenhandel. Die Soldatenhandelsdebatte blieb während des gesamten Krieges ein wichtiges Thema und blieb es in der Geschichte des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und Hessens bis zum heutigen Tage.Amerikaner prügeln auf deutsche Gefangene ein; 1776

Für den heutigen Betrachter erfolgt die Verurteilung des sogenannten Soldatenhandels natürlich zurecht. Man darf dieses Thema aber nicht alleine vom heutigen Standpunkt betrachten, sondern muß es auch an den Maßstäben der Zeit messen.

Wenn jemand ein Recht hätte den Vertrag von 1776 zu verurteilen, wären dies die jungen Männer aus Ober- und Niederhessen, die als Untertanen des Landgrafen nach Amerika verschifft wurden. Leider gibt es von diesen aus naheliegenden Gründen aber wesentlich weniger schriftliche Hinterlassenschaften als von Offizieren, so daß uns die Gedanken der einfachen Männer weitgehend verborgen bleiben. Man würde erwarten, daß die Hessen scharenweise in Amerika davonliefen, da sie ja schließlich aufgrund ihres Untertanenverhältnisses, d.h. in der Regel unfreiwillig, Soldat geworden waren. Wie auch der amerikanische Kongreß erstaunt feststellen mußte, war dies jedoch nicht der Fall.

Von den insgesamt rund 19000 Männern die in Amerika hessische Uniformen trugen desertierten rund 3000 oder 16 %. Verteilt man die Zahl der Deserteure auf die sieben Jahre des Einsatzes in Amerika von 1776-1783 und geht von einer durchschnittlichen Truppenstärke des hessischen Kontingents von rund 11.000 Mann aus, ergibt sich eine jährliche Desertionsrate von unter 5 %.

Weiterhin ist bemerkenswert, daß über die Hälfte der 3000 Deserteure erst in den Jahren 1781-1783 die hessischen Fahnen verließ, d.h. weitgehend nach Einstellung der Kampfhandlungen. Die Gründe, warum hessische Soldaten in Amerika ihrem Eid gegenüber Landgraf und König die Treue hielten oder nicht, können hier nicht erörtert werden. Festzuhalten bleibt, daß - gemessen an Verhältnissen in anderen europäischen Kriegen - die Zahl der Deserteure in der hessischen Armee unerwartet gering war. Bei anderen deutschen Kontingenten und sogar bei Briten und Amerikanern war das unerlaubte Entfernen von der Truppe ein weitaus größeres Problem.

Die blutigen Verluste im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg blieben vergleichsweise gering. Offizieren des hessischen Corps in Amerika, die zuvor schon am Siebenjährigen Krieg teilgenommen hatten oder später die napoleonischen Kriege erlebten, erschien der Feldzug in Amerika meist als ein unblutiges Schauspiel.