(von Achim Hähnert - nach Erzählungen meines Vaters Harri)

... dieser Ausruf verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Der Magistrat hatte mitgeteilt bekommen, daß die Amerikaner Hofgeismar beschießen würden und sogleich eine Warnung an die Bevölkerung herausgegeben. Das hatte natürlich zur Folge, das in aller Eile alles Hab und Gut auf Handwagen, Schubkarren und Leiterwagen verladen wurde. Die Kleider aus den Schränken, die Schubladen mit Geschirr und die Speisekammervorräte, alles wurde in wilder Hast nach draußen auf die Straße gebracht und verladen. Auch meine Großeltern handelten da nicht anders. Nachdem alles beisammen war, nahm mein Großvater noch sein Motorrad aus dem Stall und gemeinsam brachen alle in den Grebensteiner Steinbruch auf, um sich zu verstecken und abzuwarten, was passieren würde.

v.l. n.r.: meine Uroma Luise (73), mein Vater Harri (3), mein Onkel Bubi (5) u. meine Tante Anni (9) - Ostern 1939

Es war schon dunkel als man im Steinbruch angekommen war. Dort lagen sogar noch zwei deutsche Soldaten mit Panzerfäusten in Stellung. Sie waren höchstens 19 Jahre alt und gehörten zum Volkssturm, der letzten Verteidigung des Vaterlandes vor dem Feind. Mein Großvater rief ihnen zu, der Krieg sei vorbei, sie sollen verschwinden und nach Hause zu ihren Familien gehen. Er gab ihnen noch eine 'Ahle Wurscht' als Zehrung mit auf den Weg.

Man sammelte sich also und schaute, ob auch alle da waren. Doch welch ein Schreck! Wo war die Urgroßmutter (80)? Sie mußte vergessen worden sein. Es hieß also noch einmal schnell nach Hause und dort nachschauen. Mein Großvater schwang sich auf sein Motorrad und brauste in die Stadt zurück. Dort angekommen ging er ins Haus und rief nach Urgroßmutter. Er schaute in das Schlafzimmer und fand sie schließlich friedlich schlafend, müde von der Tagesarbeit, in ihrem Bett liegend vor. Er weckte sie auf, sie zog sich eilig an und fuhr mit Großvater in den Steinbruch. Dort angekommen amüsierte sie sich sehr über diese Situation, denn meine Urgroßmutter war eine lebenslustige Frau.

Man verbrachte nun die ganze Nacht im Steinbruch, doch die Amerikaner wollten nicht kommen und so gingen alles wieder am morgen des darauffolgenden Tage wieder nach Hause zurück.

Als dann aber die Amerikaner kamen, ganze 14 Tage später und unerwartet, nahm das fast niemand zur Kenntnis. Es geschah fast lautlos, als sie am 5. April 1945, von Schachten kommend, zu Fuß in Richtung Stadt marschierten. Der amtierende Bürgermeister Paul Immel, der Stadtbauermeister und der Ortsgruppenführer Christoph Windemuth in seiner SA-Uniform, kamen ihnen, über die 'Chaussee' gehend, mit einer weißen Fahne entgegen. Beide Parteien trafen sich dann an der Kreuzung der Straße nach Schachten und übergaben formell die Stadt.

Als Zuschauer waren vor allem Kinder dabei, so auch mein Vater, der mit anderen Kindern über die Pflanzeplätze zum Treffpunkt liefen. Sie staunten nicht schlecht, als sie die vielen Schwarzen sah, denn wer hatte schon vorher einmal einen zu Gesicht bekommen? Die Amerikaner marschierten durch die Stadt nun auch aus Richtung Hofgeismar kommend. In der Oberstraße (heute Schachtener und Udenhäuser Straße) wurden Häuser beschlagnahmt und die Bewohner mußten ihre Häuser verlassen ohne ihr Hab und Gut mitnehmen zu können. Alle Waffen mußten im Rathaus zur Vernichtung abgegeben werden. So hatte sich einen Tag später auf dem Marktplatz ein riesiger Berg von Waffen aller Art (von Pistole, über Luftgewehr und Maschinenpistole bis zur Panzerfaust) aufgetürmt.

So begann die einjährige Besatzungszeit für Grebenstein

... und für die Schüler ein Jahr keine Schule.