(handschriftliche Aufzeichnung ca. 1890, und sein weiterer theol. Lebensweg.)

"Geboren bin ich am 28.Mai 1868. Mein Geburtsort ist Weener. Mein Vater, der Schiffskapitän Jakob Luiken de Haan hat meine, seines dritten Kindes Geburt nicht mehr erlebt; schon im Dezember 1867 hatte er, ein Opfer seines gefährlichen Berufes, seinen Tod in den Wellen des Skagerak gefunden. Als nachkommender Sohn erhielt ich indes den selbigen vollen Namen meines Vaters. Nur wenige Wochen sind wir darauf noch in Weener geblieben, dann zog unsere schwergeprüfte Mutter Helena, geborene Klaassens, mit den unmündigen Kindern nach Hinte, wo ihre Eltern ein Bauerngut bewohnten. Hinte ist unsere eigentliche Heimat geworden und ist bis heute der Wohnsitz der lieben Mutter. An den Eltern fand unsere Mutter für die schweren Stunden nach dem Tod ihres Gatten eine große Stütze. Die Erziehung lag freilich zunächst ganz in den Händen der Mutter, nur ihr dürfen wir das Zeugnis geben, daß sie mit allem Eifer bewußt geworden ist, den Sinn für alles Gute und insbesondere für das Göttliche in uns zu wecken und zu pflegen. Mein trotziges Wesen bereitete ihr dabei nicht wenig Sorgen. Mit dem fünften Lebensjahr wurde ich in die Ortsschule geschickt. Im Lernen konnte ich gut mitfortkommen. Außer der Schul- und Lernzeit weilten mein Bruder und ich gern beim Großvater und in landwirtschaftlicher Beschäftigung; eine Gewohnheit, die ich auch während der Gymnasialzeit, zumal in den Ferien pflegte. Anfangs hatte ich Lust, Landwirt oder Seefahrer zu werden. Beides wurde indes bald überwogen von der Freude an Büchern. Erst in dem etwas reiflichen Alter von beinahe 12 Jahren wurde ich Herrn Superintendent Sanders zur Vorbereitung im Lateinischem übergeben. Nur 5/4 Jahr in 4 wöchentlichen Stunden dauerte der Unterricht. Zu ihm gewann ich eine so gute Basis im Lateinischem, daß ich bis zur Sekunda in diesem Fach leichtes Spiel hatte. Gern sage ich meinem Lehrer von dieser Stelle meinen Dank. In ¼ jährigen Unterricht gelang es Herrn Pastor Vietor mir das erforderliche Wissen im Französischen beizubringen. Fast 13 Jahre alt, kam ich Ostern 1881 aufs Gymnasium in Emden. Nach 7 jährigem Besuch konnte ich es 1888 nach ehrenvoll bestandenen Examen verlassen. Während der ganzen Schulzeit habe ich das mütterliche Haus nicht aufzugeben brauchen, da der einstündige Weg morgens und abends nicht zu weit war.

Jacob Luiken de Haan als Schüler 1884    Jacob Luiken de Haan als Student in Halle 1890

Sehe ich auf meine Gymnasialzeit zurück, so zähle ich diese Jahre nicht eben zu den schönsten meines Lebens. Denn obwohl ich zu den tüchtigen Schülern gerechnet wurde, trug mir doch öfter ein gegen früher verringerte Fleiß und die von mehreren Lehrern geübte wenig belebende Gestaltung des Unterrichtsstoffes eine nicht befriedigte Stimmung ein.

Studenten der Theologie in Halle 1890; 2. v. rechts unten Jacob Luken de Haan

Zeitlebens dankbar gedenken werde ich indes unlängst verstorbenen Ordinariat der Prima Prof. Dr. Kohlmann. Auf den Abgang von der Anstalt freute ich mich. Die Wahl meines Studiums fiel mir nicht schwer; wiewohl ich kaum zu sagen vermochte, was mich zur Theologie geführt hat; stand doch bei mir seit langem fest, diesen Lebensberuf zu erwählen.

Am ehesten möchte der Trieb zu diesem Studium wurzeln in dem von Kindesbeinen an in mir vorhandenen innerlichen Verlangen selig zu werden; wenigstens ist dieses der Anker gewesen, der mich am theologischem Beruf gehalten hat, wenn lange Zweifel zumal in den späteren Studientagen aufkamen, ob denn meine Kraft und Begabung reichen würden. Eigenwilliges Aufgeben galt mir gleich dem Verlust der Hoffnung auf die Seligkeit. Solche Gedanken machten und machen mich immer wieder Zukunftstraurig und lassen mich merken auf die tröstliche Vertiefung. Meine Kraft ist in dem Schwachen mächtig.

Tübingen und Halle sind die beiden Universitäten, an denen ich meine Studienzeit absolvierte. Nach Tübingen lenkte ich meine Schritte um der Militärpflicht zu genügen; nur als wider Erwarten, meiner Kurzsichtigkeit halber, vom aktiven Dienst ganz frei blieb, freute ich mich insbesondere der ausgedehnten Ausflüge nach der Schweiz und dem Schwarzwald und in der anmutigen Umgebung Tübingens selber. Nur ein Semester blieb ich dort, dann zog es mich nach den an theologischen Lehrkräften so reich gesegneten Halle. 7 Semester währte mein ganzes Studium, daß ich hier in Halle beendete. Im 8.Semester hoffte ich ins Examen gehen zu können. Doch anders kam es. Ein langwieriges nervöses Kopf- und Magenleiden erfaßte mich mit sehr umfassender Heftigkeit. Aus schien es mit allen meinen irdischen Hoffnungen zu sein. Eine lange, lange Zeit folgte, in der ich vom Studium gänzlich lahm gelegt wurde. Von einem Arzt ging ich zum anderen, von ein Kur griff ich zur anderen und noch heute habe ich an den Spuren des Leidens zu tragen. Die Gunst d. hohen Königlichen Konsistorium gewährte mit unbestimmte Frißt bis zur hinreichenden Stärkung meiner Nerven. Und Gott sei Dank, der mich soweit gekräftigt hat, daß ich nunmehr, wenn auch noch mit Schwachheit und unter Zagen den so sehr wichtigen Schritt ins theologische Amt in die Praxis des geistigen Lebens wagen darf."

Studenten der Universität Halle; 2. v. rechts stehend Jacob Luiken de Haan


In einem Brief an einen Freund in Ostfriesland berichtet Pfarrer Jakob Luiken de Haan über die erste Zeit in Grebenstein. Grebenstein d. 16.12.1902.

"Lieber Diedrich, diese Zeilen haben den Zweck, Dich endlich über unser unbekanntes Geschick zu beruhigen. Ich glaube doch, dass Du hier und da in Deinem stillen Heim mit tiefem Mitgefühl die Stürme miterlebt hast, in die wir hier erst hinein mussten. Reise, Möbelausladen, Einrichten, Verpflichtung in Cassel, Übernahme der..... und des Kichenkastens, Einführung mit Ordination und nachfolgende Predigt, dann umfangreiche Festessen, dessen Kosten, aus meiner Tasche mich heute noch schmerzen, zahlreiche Zylinderbesuche, wovon heute noch ein kleiner Schweif übrig ist, Courant in Mariendorf, wobei ich urplötzllch vom Superintendenten aufgefordert wurde, für den erkrankten Ortspfarrer zu predigen, dann noch Pfarrkränzchen boten ein abwechslungsreiches Bild. Gottlob darf ich sagen, dass meine Frau und ich es beide gut überstanden haben und uns auch heute wohlbefinden. Bis hierher haben wir eigentlich nur Erfreuliches erlebt. Beide Gemeinden, Grebenstein und Burguffeln erzeigen uns viel Freundlichkeit und haben überhaupt für Kirchliches Leben noch etwas übrig.

 Hochzeit d. Pfarrers Jacob Luiken de Haan mit der Tochter des 1. Pfarrers Theres Köbrich

Die Nachmittagsgottesdienste in Grebenstein, die mir allemal gefallen, werden recht gut besucht, sodaß ich nur den Wunsch habe, dass es so bleibe. Unsere Wohnung liegt wieder abseits, außerhalb des westlichen Tores und dort als Oberwohnung Aussicht über die ganze Gegend und nebenbei auch frische Luft. Und nun zur Arbeit: Da muß ich gestehen, dass ich Sonntags reichlich mein Päckchen habe. Morgens um ¼ 10 Uhr pilgere ich nach Burguffeln, wo um 10 Uhr der Gottesdienst beginnt.( ½ stündiger Weg) ; um ¼ 1 bin ich wieder zuhause; ½ 2 beginnt hier in Grebenstein der Gottesdienst. 3 oder 4 Sonntage habe ich dann nachher eine Leiche gehabt; sonst mache ich Besuche in Grebenstein; abends 8-10 Uhr gehe ich in den Jünglingsverein und muß auch dort immer etwas sprechen. Am Montag habe ich jetzt auch regelmäßig bis 10 Uhr zu Bett gelegen und bin auch dann noch nicht wieder frisch. Jetzt in der Adventszeit habe ich außerdem jede 2. Woche Mittwochs und Donnerstags abends 7 – 8 Abendgottesdienste in Grebenstein und anschließend in Burguffeln. Mittwochs morgens 9 Uhr in diesem Quartal Hospitalandacht; wöchentlich 3 Konfirmandenstunden. Krankenbesuche mache ich wöchentlich, soviel ich Zeit habe und suche im übrigen nach u. nach durch die Gemeinde zu kommen, was natürlich bei 2200 u. 400 Einwohnern und allerlei Außenhöfen nicht so schnell geht. Im diesem Quartal hab ich sämtliche Leichen, dafür mein Schwiegervater andere Amtshandlungen; im nächsten Quartal ändert sich das. Burguffeln pastoriere ich allein. [...] 

Das Ehepaar de Haan in den Flitterwochen 1901    Das Ehepaar de Haan in den Flitterwochen 1901

Da hast Du eine allgemeine Übersicht über meine Arbeit. Sie ist ja erträglich, wirft aber bislang für Privatarbeit nicht viel Zeit ab, indes das kann kommen. Du kennst mich von früher her zu genau, als dass Du annehmen könntest, dass ich mich zu Schaden arbeitete. An die Festtage mag ich allerdings nicht gern denken, da geht’s am 1. Weihnachtstag von 6 Uhr frühan, wo in Burguffeln Frühmette ist u. s. w., dazu sehr umfangreiche Abendmahlsgemeinde. Mit Gottes Hilfe wird mans überstehen. Ihr in Ostfriesland habt Euer Teil auch in der Festzeit, wenn Du gleich in diesem Jahr wegen der Befreiung vom den Nachmittagsgottesdiensten noch gut abschneidest. Nun, lieber Freund Diedrich, wie geht es Dir denn? Bist Du mit Deiner Hauswirtschaft noch immer zufrieden, oder denkst Du allmählich auch über die Vorzüge eines Lebens zu Zweit nach; ich kann Dir versichern, Du befändest Dich wohl dabei, vorausgesetzt, dass Du nicht gerade in die Nesseln griffest. Ich weiß nicht, ob ich hier ohne mein geliebtes Weib wirklich aushielte, da bei aller Annehmlichkeit sich das Heimatgefühl oft genug geltend macht u. mein (atesum anser?) vorerst bleibt. Hier in Grebenstein Anf. u. i. Ostfriesland.. Fortsetzung. Doch der Mensch denkt, Gott lenkt. Grüß bitte Lehrer Hoffmann und bei Gelegenheit Deine Verwandten. Meine Frau und ich grüßen Dich herzlich und wünschen frohe Festtage und guten Eingang ins neue Jahr. Dein Jak.Luiken de Haan."

Zeitungsausschnitte über Pfarrer de Haan (zum vergrößern bitte anklicken)