Unter den Leuten, die im mittelalterlichen Ständesystem keine bürgerliche Ehre besaßen, stand der Scharfrichter an der Spitze. Sie wurden als "unehrlich" bezeichnet und standen mit ihren Familien am Rande der Gesellschaft. Für eine ganze Reihe von Personen gab es in der gestuften Lebens- und Standesordnung des Mittelalters und der Frühen Neuzeit keinen Platz. Zu diesen "unehrlichen" Leuten zählen unehelich Geborene aber auch eine Gruppe von Berufen. Infolge ihres Gewerbes waren sie verrufen. Die Vertreter dieser Berufe konnten nicht in eine Handwerksorganisation die Zünfte aufgenommen werden und bildeten deshalb eine gesellschaftliche Randgruppe.

die Wasenmeisterei nord-westlich der Stadt gelegen (1591)

An der Spitze der Bemakelten stand der ''Scharfrichter", der auch als Nachrichter, Freimann, Carnifex oder Henker bezeichnet wurde. Der Beruf institutionalisierte sich mit der Ausbildung des peinlichen Strafsystems. Die Bemakelung des Scharfrichters hatte ihre Ursache in sehr alten Tabus. Diese Tabuisierung verstärkte sich ab dem 14. Jahrhundert. Jeder Berührung des Scharfrichters wich man aus, da sie unehrlich machte. So durfte er in manchen Städten nicht innerhalb der Ummauerung wohnen, so auch in Grebenstein, und konnte nur unter besonderen Umständen im Wirtshaus trinken oder die Badestube benutzen. Er war auch von der heilige Messe oder dem Abendmahl ausgeschlossen. Außerdem durfte er sein Vieh nicht mit der Gemeindeherde grasen lassen und Gegenstände, die er berührt hatte, wurden ebenso unehrlich und deshalb vernichtet. Derartige Einschränkungen galten auch für die Familien der Scharfrichter, Man heiratete nur in eigenen Kreisen, so daß es zu regelrechten Henkersdynastien kam. Ihre Kinder besaßen keine Möglichkeit, in ein zünftiges "ehrliches" Handwerk aufgenommen zu werden. Erst die Reichsgesetze der Jahre 1731 und 1772 erklärten die Kinder aus Henkersfamilien für "ehrlich", wenn sie das väterliche Gewerbe verließen, ab 1819 galten dann auch Scharfrichter und ihre Gehilfen in Preußen als dem bürgerlichen Stand zugehörig. 

Diese Distanzierung ist aber nur eine Seite im Umgang mit dem Scharfrichter. Aufgrund seiner Kenntnisse des menschlichen Körpers kurierte er in manchen Städten Verwundete und Kranke. Magisches Prestige bekam er durch die zahlreichen Heilmittel gegen Schäden und Unheil, die er öffentlich oder heimlich anzubieten hatte. Galgenholz, Galgenstricke, Gliedmaßen von Hingerichteten und vieles mehr waren in der Volksmedizin von großer Bedeutung. Überbleibsel des einstigen, numinösen Prestiges war das ihm zufallende Recht, eine zum Tod verurteilte Frau freizubitten und zu ehelichen.

Das Töten mit dem Schwert war eine Kunst, die man gut erlernen mußte, denn die Volksmenge reagierte auf Mißrichtungen empfindlich. Gelang der Todesstreich nicht, verlor der Scharfrichter seine magische Gewalt, wurde dadurch zum Mörder und löste Lynchreaktionen aus.

Schinder und Wasenmeister

In früheren Jahren, als die Viehhaltung eine größere Bedeutung hatte als heute, und auch Viehseuchen in stärkerem Ausmaß grassierten, war die geordnete Beseitigung des verendeten Viehs für Mensch und Tier sehr wichtig. So bildete sich allmählich der Beruf des Abdeckers heraus. Seine Bezeichnung war je nach Gegend verschieden wie z.B. Wasenmeister - Schinder - Deglubitor (von deglubere = die Haut abziehen). In der Landgrafschaft Hessen-Kassel war die Bezeichnung Frasenmeister, anstatt richtig "Wasenmeister", gebräuchlich.

Unsere Wasenmeisterei hat nördlich des Geismarer Tores außerhalb der Stadt, am heutigen "Schinderberg" oberhalb der Esse, gelegen. Auf den diversen Stichen von Grebenstein ist sie gleich im Vordergrund zu sehen. Sie bestand wohl aus zwei Gebäuden, wobei eines das Wohnhaus und eines die Wasenmeisterei enthalten haben muß.

Auf der Karte von 1860 (unten) ist sie als Abdeckerei bezeichnet.

Preußische Karte von 1860 - Ausschnitt m. Abdeckerei

Neben der Beseitigung des verendeten Viehs hatte der Wasenmeister aber noch andere "anrüchige" Aufgaben zu erfüllen, wie die Leerung der Aborte der Burg, das Erschlagen umherstreunender Hunde während der "Hundstage", die Aufzucht einiger Hetzhunde für die Herrschaft und das Auslegen von Ködern am Luderplatz.

Daß alle diese Tätigkeiten eines Wasenmeisters - wenn auch notwendig - in den Augen der Mitbürger dazu führte, daß er mit seiner ganzen Familie auf der niedrigsten Stufe stand und zu den "unehrlichen" Leuten zählte, ist verständlich. Waren ursprünglich Wasenmeister und Scharfrichter verschiedene Personen, wobei der Scharfrichter sich höchstens einmal der Hilfe des Wasenmeisters bediente, so bildete sich doch bald der Brauch heraus, daß beide Ämter in einer Person vereinigt waren. Bemerkenswert ist, daß der Scharfrichter sozial höher stand als der Wasenmeister.

Die bekannten Grebensteiner Scharfrichter und Wasenmeister

  1. Peter von (Cassell) Castel (*um 1515, +Grebenstein vor 1600). Er wird 1543 "Meister Peter" genannt. Kauft 1552 in der Höllegasse neben seinem neuerbauten Haus das Haus von Otto Düvels.

  2. Johann von Castell (*Grebenstein um 1550, +Grebenstein vor 1615). Er war Wasenmeister und Scharfrichter wie sein oben genannter Vater Peter. Seine Frau stirbt am 27. Dezember 1620 als "die alte Wasenmeistersche". Sie hatten unter anderem Land am Siechenberg zu versteuern. Nicht weit enfernt lag die Wasenmeisterei.

  3. Brix von Castel (*Grebenstein um 1575, +Grebenstein 2. Februar 1631). Er ist bei der Musterung von 1607 als Schütze in der 1. Korporalschaft 1. Rotte Schützen des Fähnleins von Oberst Asmus von Baumbach erwähnt. Er hat 1628 Schulden wegen der Kriegsereignisse in Höhe von 500 Talern. Er war Scharfrichter und Schinder wie sein obiger Vater Johann. Als solcher seit 1621 erwähnt.

  4. Hans Schwerth (*um 1610, +Grebenstein 21. Mai 1669). Er war Wasenmeister von 1639 bis 1669, später ab ca. 1647 gemeinsam mit seinem Bruder.

  5. Hans George Schwerth (*um 1620, +Grebenstein um 1676). Er war Wasenmeister von 1647 an.

  6. Hans Georg Albert. Einmal erwähnt im Jahre 1651 als Wasenmeister.

  7. Christoph (Christian) Kappel (*um 1653). Er war Wasenmeister von 1679 bis mindestens 1682.

  8. Christoph Schwerth (*um 1650, +nach 1707). Er war von 1684 bis 1707 Wasenmeister.

  9. Johannes Koch (*um 1690). Er war Wasenmeister von 1718 bis mindestens 1720.

  10. Johann Henrich Hartmann (*1712, +Grebenstein 24. Mai 1769). Er war bis 1750 noch Halbmeister, später ab 1752 dann Wasenmeister.

  11. Henrich Hamel. Scharfrichter-Knecht und Wasenmeister (1778).

  12. Joseph Schönstein. Wasenmeister zwischen 1780 und 1783. Er hatte einen Knecht namens Andreas Schleysoll.

  13. Franz Xavier Siwarlein (*1729, +Grebenstein 4. Oktober 1811). Der hiesige Wasenmeister.

Natürlich bestanden für die Dienste der Scharfrichter, Schinder und Wasenmeister auch Gebührenrichtlinien. Was wie zu bezahlen war kann man im folgenden anhand eines Beispiels für das Jahr 1700 erkennen.

Taxe für Exekutionen 1700

Delinquent besehen, ob er schon eine Execution an ihm vollzogen
1 Thaler 30 Kreuzer

Mit Instrumenten zur Tortur aufwarten
1 Thaler 30 Kreuzer

Daumenstock anlegen
2 Thaler

Spanische Stiefel anlegen
2 Thaler

Bei der Tortur anziehen
3 Thaler

Einen auf die Bank legen und mit Gerten streichen
3 Thaler

Einen an den Pranger stellen und mit Ruten streichen
2 Thaler

Einem eine Maulschelle geben
2 Thaler

Einem den Galgen aufzubrennen
3 Thaler

Einem Nasen und Ohren abschneiden
5 Thaler

Einem die Zunge abzuschneiden
5 Thaler

Einen mit glühenden Zangen zu zwicken
5 Thaler

Einem die Hand abzuhauen
5 Thaler

Einen mit dem Strang hinzurichten
7 Thaler 30 Kreuzer

Einen mit dem Schwert hinzurichten
7 Thaler 30 Kreuzer

Einen zu begraben oder das vom Galgen gefallene Gerippe
2 Thaler

Den Kopf oder eine Hand auf den Pfahl zu stecken
5 Thaler

Den Leib auf das Rad zu legen
5 Thaler

Einen zu radbrechen
12 Thaler

Einen zu verbrennen
5 Thaler

Den Scheiterhaufen aufzurichten
3 Thaler

Einen Selbstmörder zu henken (Selbstmörder wurden bestraft)
7 Thaler 30 Kreuzer

Einen zu vierteilen
12 Thaler

Die Viertel auf die Straße zu henken
3 Thaler

Wenn der Maleficiant mit dem Wagen zur Richtstatt geführt werden muß oder doch der Wagen zur Richtstatt mitgehen muß 3 Thaler

Einen einzusacken oder zu ersäufen
5 Thaler

Einen Soldaten an die Justiz anschlagen (Strafe für Deserteure)
3 Thaler