Zu einer der herausragendsten Episoden der Geschichte Hessens gehört sicherlich die ab dem Jahre 1776 erfolgte Entsendung von Truppen der Landgrafschaft Hessen-Kassel in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Über dieses oft mit dem Begriff ”Soldatenhandel” umschriebene Ereignis wird seit dem in der Geschichtsforschung auf unterschiedliche und sehr gegensätzliche Weise geurteilt. Dabei wird oft übersehen, daß die Vermietung von Militär an fremde Staaten und Herrscher im 18. Jahrhundert gang und gäbe war.

Nachdem auch in der Landgrafschaft Hessen-Kassel unter Landgraf Carl (1670-1730) im späten 17. Jahrhundert ein stehendes Heer errichtet worden war, nahmen hessische Truppen bis in die napoleonische Zeit hinein an allen größeren europäischen Kriegen hauptsächlich als vermietete Subsidientruppen teil. Hessen-Kassel zählte zu den Staaten mittlerer Größe des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen, seit die Erbteilung im Jahre 1567 zu zwei hessischen Staaten mit Residenzen in Kassel bzw. Darmstadt geführt hatte. Der Mangel an natürlichen Ressourcen und die ungünstige geographische Lage des Staatsgebietes machten das anerkannt gute Militär zu dem einzigen Machtmittel, mit dessen Hilfe die Kasseler Landgrafen versuchen konnten, sich einen Platz im Konzert der europäischen Großmächte zu sichern. Die Vermietung von Truppen an andere Staaten sollte dazu dienen, die politische Stellung Hessen-Kassels und damit seines Fürsten innerhalb Europas zu stärken und zu verbessern.

Zudem war Hessen-Kassel im 18. Jahrhundert das Land mit dem wohl höchsten Anteil von Soldaten an der Gesamtbevölkerung und lag in dieser Hinsicht sogar noch vor Preußen. Das verhältnismäßig große Heer konnte aber wiederum nur durch die Vermietung an fremde Mächte unterhalten werden, da die eigenen finanziellen Möglichkeiten dazu nicht ausreichten. Die Landgrafschaft Hessen-Kassel, deren Territorium etwa dem heutigen Nordhessen entsprach, war aufgrund der ungünstigen naturräumlichen Begebenheiten (viele Mittelgebirgsregionen mit ausgedehnten Wäldern, wenig fruchtbare Böden, rauhes Klima) ein relativ armes Land. So wurden die Einnahmen durch die Vermietung der Armee zur wichtigsten Finanzquelle der Landgrafschaft. Die Versorgung der Armee mit Uniformierung, Ausrüstung und Verpflegung war überdies ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Bevölkerung. Die finanzielle Abhängigkeit Hessen-Kassels von der Armee ging so weit, daß Landgraf Wilhelm VIII. (1751-1760) seine Armee das Peru Hessens nannte.


Die Kehrseiten des Subsidiengeschäfts waren neben den Opfern der militärischen Einsätze ein bisweilen spürbarer Arbeitskräftemangel und das immer umfassendere Eingreifen der Behörden in das Leben der Bevölkerung, mit dem Ziel, die Rekrutierung effizienter zu gestalten.

Von den fast vierzig Subsidienverträgen die Kassel bis zum Ende der napoleonischen Kriege schloß, erregte aber keiner ein so nachhaltiges Aufsehen wie der Vertrag vom 15. Januar 1776, aufgrund dessen Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel (1760-1785) seinem Schwager König Georg III. von England 12.000 Mann für den Krieg gegen die revoltierenden amerikanischen Kolonien zur Verfügung stellte. Zwar vermieteten auch andere deutsche Herrscher Truppen an England, darunter auch Friedrichs Sohn Erbprinz Wilhelm IX., der selbständig als Graf von Hanau regierte, doch war das hessische Kontingent mit Abstand das größte. Es bestand aus 15 Infanterie-Regimentern, 4 Grenadier-Bataillonen, 2 Kompanien Feldjägern und dem Artilleriecorps. Dazu kamen später noch drei Kompanien Feldjäger zu Fuß und eine zu Pferd.


Die Gesamtzahl der in Amerika eingesetzten Soldaten der Landgrafschaft Hessen-Kassel betrug mit den 1776 verschifften rund 12.000 Mann und mit den jährlich bis 1782 nachgeschickten Ersatzmannschaften zusammen rund 19.000 Mann. Das ursprüngliche Kontingent bestand fast ausschließlich aus Landeskindern, während für den Ersatz weit überwiegend Nicht-Hessen angeworben wurden. Die Truppenstärke der hessischen Armee schwankte in den sieben Kriegsjahren jeweils zwischen 10.000 und 12.000 Mann. Sie stellte damit rund ein Drittel der königlichen Truppen in Nordamerika (ohne Kanada).

In der Landgrafschaft Hessen-Kassel bestand eine Art allgemeine Wehrpflicht, die sich aus dem Untertanenverhältnis der Bevölkerung gegenüber dem Herrscherhaus ableitete. Seit 1762 hatte jedes Regiment der hessischen Armee einen bestimmten Bezirk (Kanton), der ihm zur Ergänzung des Mannschaftsbestandes zur Verfügung stand. Bestimmte Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten waren vom Militärdienst befreit, ansonsten konnte jeder männliche Untertan im Alter von 16 bis 30 Jahren als Rekrut gemustert und einberufen werden.

Bei der Aufstockung der Regimenter während der Feldzugsvorbereitungen im Januar 1776 wurde großer Wert darauf gelegt, nur "entbehrliche, jedoch zum Dienst geschickte Leute" auszuwählen. Aktive Soldaten, die für das Wirtschaftsleben oder den Unterhalt ihrer Familien "unabkömmlich" waren, sollten möglichst gegen "abkömmliche" junge Rekruten ausgetauscht werden. Demzufolge setzten sich die einfachen Soldaten größtenteils aus nachgeborenen Bauernsöhnen, Tagelöhnern und "niederen" Handwerkern zusammen.

Das Garnisonsregiment Heldring (später Regiment Rall/v. Wöllwarth/v. Trümbach/v. Angelelly) unter Oberst Rall, dass in Grebenstein in Bürgerquartieren lag, nahm ebenfalls am Krieg in Amerika teil. Im "Journal des hochfürstl.-hessischen-Grenadier-Regiments von Bischausen vom 4. Martius 1776 bis den 1. November 1783" ist für die Abfahrt nach Amerika folgendes zu lesen:

1776 - "Den 4ten Martij marschirte das Regiment unter den Befehlen des damaligen Chefs, Obersten Rall, aus dem Standt-Quartier zu Grebenstein ab, durch die Hannoverschen Lande, bis in die Environs von Bremerlehe in die Contonier-Quartiere. Hiernach wurde daselbe alda am 18ten Aprill gemustert und legte an die Crone von Großbrittanien den Eyd der treue ab. Hiernach wurde selbiges den 18ten Aprill auf die in der Weser vor Anker liegende 4 Transport Schiffe ... worauf der Oberste Rall Commandeur war, Triton worauf der Oberst-Lieutenant Brethauer, Ailicia der Capitaine Goebell und Fane der Capitaine Boecking, comamdirten, embarquiret, aber wiedriger winde halber bis den 18ten May stille vor Anker liegen bleiben mußte, da nach erfolgtem günstigen Wind der Anker gehoben wurde und die gantze Flotte in die See stach. Die Trouppen bestanden aus den Regimentern von Mirbach, Rall und 154 Mann vom Regiment von Knyphausen unter der Ordre des Lieutenant Wiederholds, welche letztere am Board des Transport Schiffes Eagle worauf auch das Heldrings Comisariat war, sich befanden, sämtlich unter der Ordre des Herrn General-Major von Mirbach. die Flotte langen den 21ten May in dem Englischen Canal in den Hafen vor Portsmouth an, allwo geanckert und frische Provision gelieffert wurde. Nach verfließung einiger tage ging dieße Flotte nebst einer anzahl Provisions Schiffe unter Convoy " wieder auf See.

In Amerika

(wie es dort weiterging)


Nach dem Friedensschluß 1783 kehrte die hessische Armee in einer Stärke von rund 10.500 Mann wieder nach Europa zurück. Etwa 200 Mann waren zuvor auf eigenen Wunsch in Kanada angesiedelt worden, rund 300 waren schon während des Krieges aufgrund von Krankheit, Alter oder Invalidität nach Hause geschickt worden. Somit ergibt sich ein Fehlbestand von rund 3000 Männern die in Amerika - in der Regel unerlaubt - die hessischen Fahnen verlassen haben.

Im Kriegstagebuch wird für die Ankuft des Regiments (jetzt Regiment Rall) vermerkt:

1783 - "Weilen bis den 3ten Octobr. die noch zurück seyende Schiffe noch nicht angekommen waren, und die Hielke, worauff der Herr Generalmajor von Kosboth sich befande, den 2ten in die Nord See gegangen, so folgten die übrigen Schiffe allesamt und lieffen auch sämtlich vom 6ten bis zum 8ten in der Weser ein, und anckerten bey Bremerlehe. Auf denen zurück gebliebenen Schiffen befanden sich dhl. Oberste von Cochenhausen mit einem theil von regiment Pr. Friedrich. der Oberst Lieutenant von Borcke mit einem theil von Dittfurth, dhl. General von Knoblauch mit einem theil Eigenen - und dhl. Oberste von Bünau mit dem gantzen Eigenen regiment. den 10ten wurde debarquirt, gemustert und in die zunächst Bremerlehe liegende dorffschaften in die quartiere marchirt, den 11ten daselbst Rastag und den 12ten der March zu lande von sämtlichen Trouppen, exclusive der artillerie welche auff der Weser Transportirt wurde, unter den befehlen des herrn General Major von Bischhausen, weilen der herr General-Major von Kospoth die ankunfft der noch zurückseyenden, zu Bremerlehe abzuwarten entschlossen, angetreten. den 29ten rückten die Trouppen zu Hoff Geismar und Grebenstein ein, wurden den 30ten und 31ten alda gemustert und hatten die gnade den 1ten und 2ten Novembr. von unserm durchlauchtigsten Landgrafen auf dem Bowlinggrün in der Aue, in höchsten Augenschein genommen zu werden. Worauff dieses Regiment, nachdem ein jeder das ihm gebührende Guthaben erhalten, die Armatur-stücke abgeliefert hatte des folgenden Tages als den 2ten Novembr. theils mit Abschied, theils mit Urlaubs-Päßen erlaßen, auseinander ginge.

In diesem 1783ten Jahr sind abgegangen.

  1. Totgeschoßen - 0
  2. Gestorben - 1. Second-Luit: Bröseke, 2 Spieleute und 26 Gemeine
  3. Desertirt - 2 Spielleute und 37 Gemeine
  4. Dimittirt - 1. Second-Lieut: Pauly, 13 Unter Offic:, 3 Feldscherer, 6 Spiell: und 110 Gemeine"

Nach einer Überlieferung eilten die Kinder aus Grebenstein und Umgebung den Soldaten entgegen, als bekannt wurde, dass die Soldaten aus dem amerikanischen Krieg zurückgekommen waren und zuerst nach Hofgeismar kamen. Die Kinder, die ihre Väter ja nicht kannten, riefen den Ankommenden ihre Familiennamen zu, um ihre Väter im Gedränge zu finden.

Die Verluste der hessischen Truppen betrugen 535 Gefallene und etwa 1300 Verwundete. Die Zahl der Gefallenen sowie der an Verwundungen, Krankheiten und Unfällen gestorbenen Soldaten lag insgesamt bei rund 5000 Mann. Etwa 2600 Mann gerieten in Gefangenschaft, wurden aber größtenteils während oder am Ende des Krieges wieder ausgetauscht.