Bei meiner Betrachtung der Wüstungen, die unmittelbar außerhalb der heutigen Stadt lagen, werden die noch heute bewohnten Dörfer Burguffeln, Schachten und Udenhausen sowie das Gut Frankenhausen, nicht herangezogen werden. Ich möchte sie in dieser Zusammenstellung mit den, meistenteils unbekannten Dörfern bekanntmachen, die im Zuge der Gründung der Städte Hofgeismar (gegründet zwischen 1210 und 1223), Grebenstein (gegründet zwischen 1311 und 1322) und Immenhausen (gegründet zwischen 1297 und 1303) während des 13. und 14. Jahrhunderts entsiedelt wurden.

Zur Erklärung des Begriffes der "Wüstung":

Wüstungen sind kleinere und größere Ansiedlungen oder Dörfer des Mittelalters in der Größe von 6 bis 10 Höfen, die aus verschiedenen Gründen während des Mittelalters oder der Neuzeit verlassen wurden.

Die Wüstungen

Strofort (Alten- und Kirchstrofort)
Elliksendie Übersichtskarte
Rixen
Nettelbeck
Oberhaldessen
Niederhaldessen
Helpoldessen
Reinersen
Helkersen                                                                                                  (eine Übersichtskarte)
Diethardessen

 

Strofort (Alten- und Kirchstrofort)

Strofort wird in Kirch- und Altenstrofort unterschieden. Die beiden Dörfer lagen nördlich von Grebenstein an der Esse, wahrscheinlich in enger Nachbarschaft zueinander. Vielleicht bildeten sie Anfangs sogar eine gemeinsame Siedlung. Die Ersterwähnung von Strofort wird mit 1146-1175 angegeben. 1146-1175 wird der Ritter Eberhard von Stroverde mehrfach als mainzischer Zeuge in Urkunden genannt. Er zeichnete als erster Ritter gleich nach dem Grafen, was darauf deutet, dass die Edelfreien von Strofort größeren Einfluß hatten. 1246 haben die Brüder Stephan und Hermann von Haldessen die Mühle zu Altstrofort als Schöneberger Lehen in Besitz. Am 8. Dezember 1310 veräußern die Brüder Arnold und Eberhard Wolf, Ritter, ihr Gut unter anderem zu Alt- und Kirchstrofort, mit allen Rechten, dem Landgrafen von Hessen. Am 6. April 1322 veräußern dann die Brüder Arnold, Eberhard und Ludwig genannt Wolf dem Landgrafen ebenfalls das Patronatsrecht über die Kirche in Strofort. Noch um 1542 wird auf eine Karte, an der Stelle des ausgegangenen Dorfes eine Meierei verzeichnet.

Die Fundamente der Kirche von Kirchstrofort sind 1956 und 1957 von Christoph Jaeger und Willi Vesoer ausgegraben wurden, womit die Lage des Dorfes eindeutig wurde. Die Kirche war sehr groß und hatte wohl den Charakter einer Wehrkirche oder eines Adelssitzes.

Fundamente der Kirche von Kirchstrofort

Ein Dorf Strofort hat schon vor 1250 nicht mehr bestanden. Dies ist schon daraus zu schließen, dass sich die Familienmitglieder der Familie von Strofort unter anderem mit Rudolf von Strofort, miles (1234) und Dietrich von Strofort (1292) unter der Ritterschaft Hofgeismars antreffen lassen. Die von Strofort begegnen uns dann auch in der Folgezeit bis in das ausgehende 16. Jahrhundert in der Stadtritterschaft und dem dortigen Patriziat.

Elliksen

Elliksen kommt lediglich als Flurnamen in Salbuch von 1554 vor. Das Dorf lag nördlich von Grebenstein an der Esse unterhalb der Ölmühle. In der ehemaligen Flur von Elliksen stehen heute zwei Bauernhöfe, die auch diesen Namen tragen. Heute schreiben wir es Ellixen.

Rixen (Rikerssen, Rixessenn, Rikkirissun, Rykirsin)

Das Dorf lag im Nesselbachgrund ca. 21/2 Km westlich der Stadt. Die Erstnennung des Dorfes liegt Anfang der 12. Jahrhunderts. 1333 wird es noch als Dorf genannt, ist aber 1455 laut dem damaligen Salbuch schon eine Wüstung. 1443 wird dort eine kleine Kapelle erwähnt. 1488 wird die Kapelle nach ihrem Niedergang wieder neu errichtet: "und ist diese von Theodorico Kremern in ao. 1488 in honorem Jodoci et Gregorii [den Heiligen Jodocus und Gregor geweiht] gewidtmet und gestiftet und zu Provisoren Gerike Vercken und Johan Schutteberg ernennet worden". Zu dieser Zeit ist Rixen aber bereits nicht mehr bewohnt. Man nimmt an, dass die Kapelle gebaut wurde, weil sie an einem recht bedeutendem Weg, dem sogenannten Heerweg nach Warburg, gelgen hat.

Im Salbuch von 1455 heißt es:

"[...] und ist eine wustung unnd seindt daselbst xiiij [=14] hube landes, darann hat m. h. [=mein Herr] den dienst, als mit Wende unnd holtzfure Inmassenn Uffeln unnd Schachtenn, Sonst thun sie auch keinerley dienst mehr, nach Inhalt der anderenn Register, unnd da gibt ein igliche hube zu herbstbede xviij pfennige unnd zu Meyebed igliche hube auch xviij pfennige".

An diese Angaben folgend werden die Landbesitzer und deren Abgaben aufgezählt. Wen diese Angaben interessieren, der kann sich gern an mich wenden.

Der Name Rixen existiert auch heute noch im Volksmund, wird allerdings für die 1777 gegründete Kolonie Friedrichsthal verwendet, die etwa 1,5 Km westlich des alten Rixen neu gegründet wurde. Man wohnt nicht in Friedrichsthal sondern in "Rixen".

Nettelbeck (Nytelbeke)

Das Dorf lag nördlich von Grebenstein, wohl etwas oberhalb des gleichnamigen Baches, der heute der Nesselbach heißt. Eine Adelsfamilie des Ortes wird dreimal in Urkunden genannt: 1292; Arnold von Nettelbeck, Bürger zu Hofgeismar, hat 2 Hufen in Eberschütz und eine Rente aus der Kabemühle zu lehen. 1300; Hermann von Nettelbeck besitzt 2 Hufen zu Westheim, auch er ist Hofgeismarer Bürger. Das Dorf ist wohl schon vor 1250 mit der allgemeinen Wanderbewegung bei der Gründung Hofgeismars ausgegangen.

Oberhaldessen (Overenhaltessen)

Das Dorf liegt 21/2 Km nordöstlich von Grebenstein in der Nähe desWappen Dietrich von Haldessen's gleichnamigen Gutshofes von 1884. Die Erstnennung von Hufenland zu Oberhaldessen erfolgte in einer Urkunde des Klosters Bursfeld aus dem Jahr 1144. Danach wird im 13. Jahrhundert das Gut der Familie von Haldessen erwähnt (Informationen zur Burg und der Familie von Haldessen auf das Wappen klicken!). Das Dorf ist wahrscheinlich schon 1423 eine Wüstung . Die Abgaben der Ländereien (u.a. 10 Fastnachtshühner) lassen darauf schließen, dass ehemals 10 Bauernhöfe im Dorf bestanden haben. 1407 wird Hermann Westheyn als Pfarrer zu Oberhaldessen erwähnt. Der Pfarrer hat noch 1464 drei Schilling als Abgabe an den Erzbischof zu zahlen.

Ruine der Johanniskapelle und Dorfteich zu Oberhaldessen

Im Salbuch der Stadt Grebenstein von 1455 heißt es:

"Hiernach beschrieben unnd bezeichnet die wustung Obernholtzenn, unnd ist gelegen vor dem Reinharts walde bey der warte, was nu m.g.h. [meines gnädigen Herrn] gerechtikeit ann dienstenn unnd zinsenn darann hat, findestu eigentlich hernach beschriebenn.

Item sindt daselbst xxxiij [=33] hube landes. Also gibt man nach Inhalt des altenn Registers Ir vonn einer hube i [=1] schilling, unnd geben keine Meybede, unnd dienen nicht, dann mit dem pfluge, vonn der hube als vonn den andernn wustungen, darvonn berurt". [hiernach folgt die namentliche Aufzählung der Abgabepflichtigen]

1530 wird das Vermögen der Kirche zu Oberhaldessen dem Grebensteiner Hospital zugesprochen.

Niederhaldessen

Das Dorf ist gemeinsam mit Oberhaldessen bereits im 12. Jahrhundert erwähnt mit als "inferior villa" und "superior villa"Die Gemarkung des Dorfes reichte rechts der Esse über die ehemalige Landwehr hinaus, die von der Esse bis zum Fiddelberg am Lannegraben herführte. Wann das Dorf eigegangen ist weiß man bisher nicht.

In den Jahren 1965 bis 1969 wurde in der Gemeinde Grebenstein eine Flurbereinigung durchgeführt. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurde viele Bauern aus dem alten Stadtkern ausgesiedelt. In Niederhaldessen ließen sich Karl Pfeiffer, Martin Leck, Karl Krausbauer, Karl Opfermann und Wilhelm Kramm als Landwirte nieder.

Helpoldessen

Das Dorf lag südlich der Stadt, wo der Carlsdorfer Weg die Fröhleinbrücke über die Holzkape überquert, auf halbem Weg zwischen Grebenstein und Immenhausen. 1210 übetragen die Grafen Adolf und und Ludolf von Dassel dem Kloster Lippoldsberg Güter zu Helpoldessen.  1298 wird dort eine Kapelle erwähnt. Seit Ende des 13. Jahrhunderts wird das Dorf schon wüst gewesen sein. 1371 werden die Ländereien (141/2 Hufen) teilweise von Grebensteiner und Immenhäuser Bürgern bestellt. 1455 teilen sich die Bewirtschaftung 11 Grebensteiner Bürger.

1455 ist das Dorf im Salbuch als Wüstung beschrieben:

"hiernach findestu nu beschrieben helpldeschenn unnd ist eine wustung gelegenn zwischenn Grebenstein unnd Immenhausenn

Was m.h. [mein Herr] daher fallendt [gemeint sind die Gefälle/Abgaben] hat, volgt hernach. Unnd sindt daselbst vx hube [=15 Hufen], gibt ein iglich hube iij malter partim [=3 Malter halb Roggen, halb Hafer] Grebensteins maß"

Nach einer Konzeptkarte aus dem Jahr 1720 hat der "Hilleboltzer Kirchhof" dicht östlich der "Fröhleinbrücke" gelegen, und nach dem Zehntatlas aus dem 18. Jahrhundert auf der flachen Anhöhe nördlich des Holzkapetales.

1893/98 läßt sich der Ökonom Konrad Giede inmitten der ehemaligen Feldflur nieder. Sein Hof heißt heute Giedenhof und wird von Hans-Konrad Giede-Jeppe bewirtschaftet.

Reinersen

Auch das Salbuch Grebensteins von 1455 hat nicht sehr viel über das bereits ausgegangene Dorf Reinersen zu berichten, außer dass der Landgraf die Gerechtigkeit über diese Wüstung hat, und das alle die die Feldmark bearbeiten im Falle eines Rechstreits sich an ihn zu wenden haben. 

"Dis ist nun ein wustunge genant Reinhardessenn.

It[em]. hat mein her ann der genannten wustung die gerechtikeit, das alle die Ihenne die dann solche wustung bearbeiden, unnd underahnden han, mussen alle keine außgeschieden, wann unnd so dicke des noth ist, meinem hern an sein gerichte gehenn."

Die Feldmark von Reinersen wird im 16. Jahrhundert von Immenhäuser Bürger bearbeitet.

Helkersen(Helkirsin)

Eine Lokalisierung des Dorfes ist recht wage. Diese stützt sich nur auf die Aussage "unweit Frankenhausen", also südlich von Grebenstein. 1310 kauf der hessische Landgraf die Güter zu Helkersen den Gebrüdern Wolf ab. Noch 1423 ist ein Zehnter erwähnt, der Schöneberger Lehen ist. Dieser Zehnte wird 1429 hessisch, womit sich die Informationen zu diesem Dorf auch schon erschöpfen.

Diethardessen (Dytwartsin, Thowordessen, Thiatwardessun)

Dieses Dorf lag kurz vor Burguffeln in der Nähe der Esse. Eine genauere Festlegung ist bisher nicht gelungen. Der Wohnplatz ist schon im 11. Jahrhundert nachweisbar, er wird 1015 erwähnt. 1269 wird eine Mühle in "Thowordessen" erwähnt, mit der Konrad von Schöneberg den Johann, Sohn von Wilhelm von Kalden begabt. Sein Sohn Sander von Kalden ist 1347 Besitzer ebendieser Mühlstätte. 1310 kauft der hessische Landgraf die Grope'schen Güter und reiht das Dorf in sein politisches System ein.